Meine Arbeitsmaterialien – Ton, Sand, Erden – bestimmen den plastischen Charakter meiner Arbeiten: Sandbilder, Reliefs und Tonplastiken. Ebenso bleibt meine Erd-Farbskala überwiegend materialverbunden.
Ton, Sand, Erden bestimmen auch die Werkzeuge: Spachtel, Modellierhölzer, Schwämme…, von denen meine Hände die wichtigsten sind, denn der taktile Aufforderungscharakter dieser Erdmaterialien reizen mich zum unmittelbaren Gestalten und Formen. Anregungen für die Rohform entnehme ich meiner Umwelt; vor allem Steine, Felsen, Berge sind unerschöpfliche Motive.
Sand ist für mich ein Material, das ‘Vergänglichkeit’ nicht nur im plastischen Sinn (Verwehen der Spuren im Sand) darstellt, sondern auch im symbolischen: Der Sand verdeckt, deckt zu, macht gleichzeitig neue Linien, Formen sichtbar. Durch das Überarbeiten des gesammelten autobiographischen Collage-Materials mit Sand lasse ich im wahrsten Sinne des Wortes ‘Sand’ über Vergangenes wehen. Das, was der Zufall sichtbar läßt, ist Ausgangspunkt für die Gestaltung, die oft nichts mehr mit dem ‘Vergangenen’ zu tun hat. Was interessiert, ist die Herstellung der Harmonie von Linien und Farbflächen.
Die Erdverbundenheit des Menschen drückt sich seit jeher in der den Erdmaterialien innewohnenden Anziehungskraft und Faszination aus. Industriell gefertigte Stoffe bieten keine echte Konkurrenz für Steine, Sand und Erde, denn diese fordern unmittelbar zum intuitiven und absichtvollen Tun auf.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was es heißt, einen Klumpen Tonerde herzunehmen und daraus alles, was du willst, zu machen. Frrr! surrt das Rad, die Tonerde windet sich wie verrückt, und du stehst dabei und sagst: Ich werde einen Krug, werde einen Teller machen, ich werde einen Leuchter, ich werde den Teufel machen! Das bedeutet Mensch sein, sag ich dir, nämlich Freiheit!
(Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas)
Das ist es eben, was die Arbeit mit Erde nie langweilig werden läßt: sie fordert heraus, behauptet ihren eigenen Anspruch und bietet dennoch ungeahnte Möglichkeiten. Das Entdecken dieser Möglichkeiten, das Überwinden der scheinbaren Grenzen, aber auch das Annehmen der materialeigenen Impulse reizen immer wieder aufs neue. Die vorläufige Idee kann im Dialog mit dem Material vollständig untergehen, ohne als Verlust empfunden zu werden.
Immer wieder ist es die Natur, die ihre unerschöpflichen Motive anbietet: Steine, Felsen, Berge, Erdkrusten… Ihre Gestaltungen wecken Phantasie und Vorstellungskraft. Nicht weniger faszinierend sind gewisse Spuren menschlicher Einwirkungen; klare, architektonische Formen stehen im harmonischen Kontrast zum organisch Gewachsenen der Natur.
‘Klarheitgewinnen’ ist immer ein Akt des Erwachsenwerdens. Nur ist er unbequem im Moment des Geschehens, zwingt er doch zur Selektion, zum Abwurf von Illusionen – sie können nicht bleiben, wenn sie durchschaut werden. Deshalb ist ‘Klarheitgewinnen’ auch immer ein Schritt zur Abstraktion, das Abstrahieren des Wesentlichen vom Unwesentlichen, also gleichzeitig Verlust. Ein Verlust, der vielleicht schmerzt, letztlich aber befreit.
A. Wöstmann-Schnapp